Am
seidenen Faden
„Dein
Bruder ist sehr krank“, erklärte die Mutter dem siebenjährigen
Joel. „Noahs Leben hängt am seidenen Faden.“ Und sie deutete aus
dem Fenster, wo der alte Apfelbaum stand, der kaum Früchte trug.
„Siehst du den Apfel dort?“
Joel
nickte nur und sah von seiner Mutter zu der großen, runden Frucht
und wieder zurück.
„Nur
der dünne Stiel hält ihn am Ast.“
„So
ist das mit Noahs Leben?“, fragte Joel verstehend und verstand doch
eigentlich gar nichts.
„Ja“,
antwortete die Mutter und begann zu weinen. „So ist das.“
Noah
und Joel waren Zwillinge. Den Nachbarn waren die beiden Jungen gut
bekannt. Saßen sie doch jedem Sommer in deren Obstbäumen, um
Kirschen zu stibitzen, ärgerten die Katze und beschmierten mit
Straßenkreide den frisch gefegten Hof.
Noah
war derjenige, der die dummen Ideen hatte, und Joel war der, der dazu
drängte, sie umzusetzen. Erwischt wurden sie immer beide. Was wären
sie auch für schlechte Brüder gewesen, den anderen mit dem Ärger,
den es natürlich jedes Mal gab, zurückzulassen!
„Lass
uns ein Floß bauen“, sagte Noah und dann werkelten die beiden
Jungen so lange im Wald herum, bis sie ein Floß hatten, das sie zwei
Meter weit auf den Teich hinaus trug und dann versank, sodass die
beiden sicher ertrunken wären, hätte man sie nicht entdeckt und aus
dem Wasser gezogen.
„Die
Kirschen sind reif“, sagte Joel und schon saßen sie im Baum des
Nachbarn und stopften sich die Taschen mit den süßen, roten
Früchten voll, die so hässliche Flecken gaben, wenn sie zerplatzen.
Die Mutter sah daran jedes Mal, dass sie Kirschen geklaut hatten,
auch wenn der Nachbar sie nicht verpetzte.
Und
dann war Noah krank geworden. Von einem Tag auf den nächsten war
alles anders gewesen und das Kirschenstehlen und Floßbauen hatte ein
Ende gefunden. Am Nachmittag hatten sie noch gemeinsam Kuchen in
ihrem Baumhaus versteckt und am Abend war das Fieber gekommen.
Nachdem
der Vater mit Noah ins Krankenhaus gefahren war, hatte Joel nicht
mehr schlafen können. Es war die erste Nacht ohne seinen
Zwillingsbruder gewesen, solange er sich erinnern konnte.
Das
Krankenhaus war ein abscheulicher Ort. Joel wusste, dass Noah es
hasste, dort sein zu müssen. Er hasste es sogar dann, wenn sein
Bruder ihn besuchen kam und ihn mit kindlichem Übermut von allem
ablenkte, was um ihn herum geschah.
An den
guten Tagen tobten sie durch den Krankenhausflur, bis eine Schwester
sie zurechtwies und ins Zimmer zurückschickte. An den schlechten
Tagen durfte Joel seinen Bruder nicht einmal sehen. Dann durfte nur
die Mutter das Zimmer betreten und Joel musste beim Vater bleiben, wo
er bitterlich weinte.
Am
Abend nach dem Gespräch mit der Mutter saß Joel am Fenster und
starrte den Apfel an, der an seinem Ast hing und im Herbstwind hin
und her baumelte. So war das auch mit Noahs Leben. Das hatte die
Mutter gesagt.
„Ich
will ihn sehen!“, hatte Joel später den Onkel angeschrien, der auf
ihn aufpassen sollte, nachdem die Eltern wieder ins Krankenhaus
gefahren waren. „Ich will meinen Bruder sehen!“
„Das
geht nicht“, hatte der Onkel gesagt und Joel, der schon dabei
gewesen war, in Schuhe und Jacke zu schlüpfen, wieder ins Wohnzimmer
geholt.
Es
wurde eine schlimme Nacht. Die Eltern kamen nicht nach Hause und Joel
ängstigte sich in dem Zimmer, in dem er bis vor wenigen Tagen nie
alleine hatte schlafen müssen. Er dachte an den Apfel am Baum, den
jeder Windhauch von seinem Ast reißen konnte, und dachte an seinen
Bruder, der nicht bei ihm war.
Mitten
in der Nacht schlich sich der Junge hinaus. Der Onkel war im Sessel
vor dem Fernseher eingeschlafen und hatte Noahs Stoffhasen in den
Händen, als hätte er ihn bis eben noch betrachtet.
Als
Joel schmutzig und erschöpft von draußen zurückkam, ging es ihm
besser. Er löste vorsichtig das Stofftier aus den Händen seines
Onkels und nahm es mit in sein Zimmer. An den Hasen gekuschelt
schlief er endlich ein.
Die
Mutter weckte ihn früh am nächsten Morgen und Joels Herz krampfte
sich schmerzhaft zusammen, als er sie sah. Aber dann begriff er, dass
sie vor Erleichterung weinte und nicht, weil Noah in der Nacht
gestorben war.
„Jetzt
wird er wieder gesund werden“, versprach sie leise und drückte
Joel an sich.
Und
dieser lächelte, sprang auf und rannte zum Wohnzimmerfenster, um
einen Blick auf den Apfel am Baum zu werfen, der immer noch an seinem
Ast hing.
Natürlich
hing er noch dort. Joel hatte ihn ja in der Nacht extra mit einem
Stück Schnur festgebunden.